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Bitte keine Renten-Panik

11. Juli 2017

Das Magazin; 08.07.2017; Seite 4; Daniel Binswanger; «Generationengerechtigkeit» ist ein Begriff, den wir aus dem Politikvokabular streichen sollten. Im Rahmen der Debatten um die Rentenreform mutiert er zu einer derart breit eingesetzten Nebelpetarde, dass er zur Klärung von Sachverhalten nicht mehr dienlich ist.

Schlimmer noch: Er stellt all das, was dereinst die zukunftsgewisse, progressive Schweiz definiert hat, so vollständig auf den Kopf, dass er nicht nur als Ausdruck begrifflicher Konfusion, sondern als Symptom einer kollektiven Angstneurose gelten muss.

Kommende Generationen müssten mehr bezahlen und das sei nicht gerecht, behaupten die Gegner der Rentenreform. Aber ist es nicht normal, dass die Gesellschaft und die Sozialversicherungen sich verändern – und dass die Belastung zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich hoch ist? Wo steht geschrieben, dass kommende Generationen nicht zusätzlich belastet werden dürfen? Ab welchem Punkt wird diese Belastung ungerecht?

Was heute als Ungerechtigkeit denunziert wird, das nannte man einmal Fortschritt. Als 1948 die AHV eingeführt wurde, galt sie als Zeichen des gesellschaftlichen Fortschritts – obwohl die ersten Bezüger während ihres Berufslebens keinen Rappen zu ihrer Finanzierung beigetragen hatten, also Leistungen bezogen, die in eklatantem Widerspruch zur «Generationengerechtigkeit» standen. Der Glaube an den Aufschwung war in der Nachkriegszeit viel zu stark, als dass man sich daran gestossen hätte.

Und heute? Noch immer wird die Schweizer Bevölkerung ständig reicher, noch immer steigt die Pro-Kopf-Produktivität (rund ein Prozent pro Jahr), noch immer steigen die Reallöhne. Die grösste «Generationenungerechtigkeit» liegt darin, dass es der Schweizer Bevölkerung in 20 Jahren mit höchster Wahrscheinlichkeit wesentlich besser gehen wird als heute und in 40 Jahren noch einmal viel besser. Gewiss: Es lässt sich mit Sicherheit prognostizieren, dass künftige Schweizer einen höheren Anteil ihrer Löhne und ihrer Steuern zur Finanzierung von AHV und beruflicher Vorsorge aufwenden müssen als heutige. Aber dieser zusätzliche Aufwand wird nur einen Bruchteil der Lohnfortschritte darstellen (die sich bei durchschnittlichen Reallohnerhöhungen von jährlich einem Prozent in 20 Jahren auf 22 Prozent belaufen werden). Die Schweizer Gesellschaft altert, was hohe Kosten verursacht – aber sie altert wesentlich langsamer, als sie reicher wird. Die Vorstellung, kommenden Generationen würden Lasten aufgebürdet, welche diese nicht schultern können, entbehrt jeder Grundlage.

Die 11. AHV-Revision wird ohne Zweifel nicht die letzte sein. Bereits in 10, 15 Jahren dürfte die nächste Runde fällig werden, was alles andere als tragisch ist. Modellrechnungen wie jene der UBS, die vorgeben, Jahrzehnte in die Zukunft blicken zu können, zeugen nicht von Voraussicht, sondern bloss von dem Willen, die gegenwärtige Debatte zu hysterisieren.

Natürlich wird sich die Frage einer generellen Rentenaltererhöhung in Zukunft erneut stellen. Es erscheint plausibel, dass mit steigender Lebenserwartung irgendwann auch ein höheres Rentenalter kommt, aber es ist zu begrüssen, dass sich die Schweiz die Zeit gibt, zunächst Erfahrungen mit der Flexibilisierung zu sammeln und Massnahmen gegen die Altersarbeitslosigkeit einzuleiten. Es ist zudem alles andere als zwingend, die Lebensarbeitszeit zu verlängern. Bis zum heutigen Tag war die kontinuierliche Arbeitszeitverkürzung ein historischer Megatrend. Dass immer grössere Anteile der Produktivitätsfortschritte für kürzere Arbeitszeiten verwendet werden konnten, gehört zu den grossen Zivilisationsleistungen der freien Marktwirtschaft. Dass nun ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da sich aufgrund der Robotisierung erneut hohe Produktivitätsfortschritte ankündigen, eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit als unausweichlich ausgegeben wird, hat etwas Widersinniges. Nicht die Finanzierbarkeit von Altersrenten unter gewandelten demografischen Bedingungen ist der limitierende Faktor, der dereinst eine Rentenaltererhöhung unausweichlich machen könnte. Es ist die gesellschaftliche Bereitschaft zum Mitteltransfer – über Steuerund Lohnprozente – von der werktätigen zur pensionierten Bevölkerung.

Renten sind mit Abstand die wichtigste und unbestrittenste Form der Sozialversicherung. Es ist inakzeptabel, dass sie jetzt so panisch schlechtgeredet werden.

Daniel Binswanger ist Redaktor bei «Das Magazin».

Dieser Artikel erschien erstmals am 08.07.2017 im «Magazin». Reproduktion mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

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